Front 242 - Interview mit Patrick
Auf dem Amphi-Festival in Köln durften wir Patrick Codenys from Front 242 (Keyboarder und Gründungsmitglied) treffen und ihm einige Fragen über Front 242, den Werdegang und seine Philosophie zur Musik stellen.
Steff (GO): Hallo, es ist eine Ehre für mich dich zu treffen. Ich höre Eure Musik seit 15 Jahren.
Patrick (Front): Gut, dann wirst du wohl einige gute Fragen haben.
Steff (GO): Wie war das Konzert?
Patrick (Front): Wir hatten eine Menge Spaß. Es war wirklich schön auf der Bühne. Das Publikum war auch klasse. Es war eine der besten Situationen, die man bei einem Konzert haben kann. Das einzige Problem war die Sperrstunde, das Konzert durfte nur bis 22 Uhr dauern. So konnten wir nur eine sehr kurze Setlist spielen. Kurz, aber intensiv, wir sind sehr glücklich.
Steff (GO): Euer letztes Album wurde 2003 veröffentlicht. Plant ihr eine neue Platte aufzunehmen?
Patrick (Front): Jeder von uns arbeitet immer noch an Musik. Jeder von uns hat unterschiedliche Projekte und macht unterschiedliche Sachen. Um ein neues Album zu machen müssen wir in einigen Punkten erst wieder zusammen finden. Das Problem ist auch, das wir aufhören müssten mit dem was wir gerade machen um die Zeit zu finden ins Studio zu gehen und ein neues Album zu machen. Aber es ist nicht ausgeschlossen, dass wir wieder ein Album aufnehmen werden. Es ist aber auch nicht mehr wie in den 80ern, wo eine Band alle zwei Jahre ein Album veröffentlicht hat. Wir können also warten. Es ist auch schwierig ein Album zu machen, wenn man sich ansonsten nichts zu erzählen hat. Dann ist es doch besser nichts zu veröffentlichen. Ich hoffe aber, dass wir irgendwann wieder ein Album veröffentlichen, aber das eilt nicht.
Steff (GO): Wie sieht es mit der Entwicklung neuer Songs aus? Wie habt ihr das in der Vergangenheit gemacht?
Patrick (Front): Als erstes sind wir eigentlich alle keine Musiker. Wir komponieren also nicht richtig. Wir werden eigentlich mehr angezogen von der Welt der Musik und Klänge. Manchmal beginnt es mit einem kleinen Sample oder einem Unfall und dort wird dann mit einem neuen Song gestartet. Wir arbeiten also mehr an einer Collage und jeder in der Band hat eine andere Rolle. Einer arbeitet an den Basslines und Drums, ein andere macht die Samples und noch ein anderer macht die Texte. Und das ist das schöne, es gibt keine Egoisten. Jeder kennt seine Grenzen. Seit dem Anfang mit Front 242 war es mehr wie eine Firma oder ein Logo. Die Leute haben für das Ergebnis gearbeitet und nicht für ihr Ego. Und wir wissen genau was wir erreichen können und wo die Grenzen sind und das ist wirklich hilfreich um das Ziel seiner Arbeit zu erreichen.
Steff (GO): Wie ist es mit eurer Ausrüstung? Benutzt ihr lieber analoge Synthesizer und Sampler oder Software Synthesizer aus dem Computer?
Patrick (Front): Das beste Stück in unserem Equipment ist unser Gehirn und unsere Einstellung gegenüber unseren Instrumenten. Man kann mit Technik so viel machen, aber was man braucht sind Ideen, ein Konzept, eine Philosophie. Man muss eine Vision haben. Wenn du eine Vision hast, wirst du die Instrumente finden, um sie zu verwirklichen. Für meine Vision spielt es keine Rolle ob ich analog, Tapes oder irgendetwas benutze um ans Ziel zukommen. Und ich werde es benutzen. Aber aus dem Gefühl heraus würde ich sagen, das wir mehr mit Analogen Sachen arbeiten, weil es einfach der Anfang war. Es sind einfach Maschinen, die keine Voreinstellungen haben. Du musst mit ihnen arbeiten und sie entwickeln. Deine Klänge finden und das ist mehr Entwicklung und Forschung. Ich persönlich mag es auch sehr einfach Fernseh-Ausschnitte zu verarbeiten. Wenn die Idee gut ist und du eine Vision hast, wirst du auch dein Ziel erreichen.
Steff (GO): Was denkst du über die Europäische Elektro-Musik Szene im Vergleich zur Kanadischen oder US Szene?
Patrick (Front): Da habe ich eigentlich keine direkte Meinung zu. Ich denke es gibt überall Talente. Es gibt viele gute Bands überall. Ich kann auch nicht wirklich nur eine Band hören. Letzte Nacht in Paris habe ich das erste Mal IAMX gehört. Ich finde er macht wirklich gute Musik. Ich komme allerdings mehr aus dem Oldschool bereich. Ich persönlich mag am liebsten Industrial. Ich denke auch, dass es ein Klischee ist über die Kanadische oder US Szene zu reden. Es ist wie bei EBM. Die Leute machen es alle auf unterschiedliche weise. Es ist schön, weil es viele Leute gut machen, aber es wird keine neue Musikrichtung gemacht. Ich warte nämlich auf ein neues Genre.
Steff (GO): Ich denke du hast schon viel von der Welt gesehen, während der Touren mit Front 242. Was war der schönste Ort, den Du jemals gesehen hast?
Patrick (Front): Das ist eine wirklich gute Frage. Ich mag den Norden, ich bin ein Eis Fan. Aber leider war ich noch nie dort. Ich war mal in Nord-Schweden aber ich möchte mal an den Nordpol gehen oder so. An Plätzen die ich schon gesehen habe, finde ich, was das Essen angeht, Italien sehr schön. Ich liebe es auch zu tauchen. Da finde ich Malaysia sehr schön, oder den Indischen Ozean im Allgemeinen. Dort ist es sehr ruhig – komisch das ich das als Musiker mag – und außerdem sehr farbenfroh und friedlich. Dort gibt es keine Aggressionen.
Steff (GO): Mit einer Pause existiert Front 242 nun schon seit 1981. Was waren die aufregendsten und was die schrecklichsten Momente in dieser Zeit?
Patrick (Front): Der schrecklichste Moment war, als wir von einem amerikanischen Plattenlabel Druck bekamen. Die wollten uns zu den neuen Depeche Mode machen. Sie hatten Front by Front gehört und dann kam Tyranny for you und die dachten wir wären eine Pop-Band, Elektronik-Pop. Ich habe sehr viel Respekt vor Depeche Mode, die sind wirklich gut und die brauchen keine anderen Leute die das gleiche tun. Der Druck war sehr groß, den wir von Epic-Sony bekamen um aus uns eine große Elektro-Pop Band zu machen. Wir wollten aber weiter an uns arbeiten und auf dem Boden bleiben.
Die beste Sache war die Re-Union 96/97 als wir wieder mit Front 242 weiter machten. Wir waren immer gute Freunde geblieben als wir uns entschieden wieder Musik zusammen zu machen. Ich genoss es sehr, wieder guten alten Elektro zu machen, auch wenn die Musik manchmal recht einfach ist. Wir lieben es auf der Bühne zu stehen und im Moment könnte es nicht besser sein.
Steff (GO): Welche Musik hörst du in deiner Freizeit? Welche Musik inspiriert dich?
Patrick (Front): Ich mag eine Menge Musik. Ambient ist schön. Außerdem höre ich manchmal auch Klassik. Gelegentlich höre ich auch Punk, wenn auch sehr selten. Ich denke die Musik kommt immer drauf an, was du fühlst. Ich kann nicht zu Hause bleiben und nur Gothic oder EBM hören. Es muss auch mal etwas völlig anderes sein. Ich höre eigentlich alles quer Bett. Manchmal kann es auch Techno sein.
(Mehr Info’s im Audio File)
Steff (GO): Wie bist du zur Musik gekommen? Wolltest du als Kind mal was anderes werden?
Patrick (Front): Eigentlich bin ich studierter Grafiker. Ich habe also mit vielen Visuellen Dingen gearbeitet. Als dann der Computer kam, insbesondere die Musik Synthesizer, hatte ich schon viel gehört an Amerikanischer Musik. Am liebsten mochte ich damals aber den Hardrock. Ich dachte aber immer, das bin nicht ich. Ich suchte nach etwas persönlichen. Ich dachte mir, warum soll ich Rock machen, ich bin kein Engländer. Ich wollte auch kein Reggae machen, da ich kein Rasta-Mann bin. Ich war in Belgien, grauer Himmel und es regnete und vor mir lagen die neuen Instrumente – Synthesizer – die noch keiner benutzt hatte. Damals benutzten alle noch Gitarren in den 80ern. Ich hatte also ein Instrument vor mir, das voll von Klängen war. Ich konnte also eine neue Ästhetik kreieren, eine neue Musik, nur von dem was in mir steckte. Ohne auf Rock, Jazz, Blues oder Mixes daraus. Ich wollte etwas nur für mich haben. So fing ich also an, mit Synthesizern zu arbeiten. Es war ein neues Instrument, ohne Mutter oder Vater. Und es gab keine Musik für diese Instrumente. Das war eine großartige Möglichkeit für mich Musik zu machen. Ich will jetzt nicht sagen belgische Musik, da Belgien kein großes Land ist, aber europäische Musik trifft es wohl sehr gut. So haben wir also begonnen Musik zu machen. Wir hatten auch völlig andere Konzepte als beim Rock. Wir waren beeinflusst von Architektur und dem Kino. Architektur deshalb, da ich während meines Studiums auch eine Architektur Vorlesung besucht habe. Architektur arbeitet mit Strukturen und Orthogonalen, also Dreidimensionale Strukturen. Das passt also sehr gut zu der Musik, die wir mit den Sequenzern machen. Und Kino deshalb, um unserer Musik den Touch eines Soundtracks zu geben. Wenn du Front 242 Stücke aus den frühen 80ern hörst, wirst du die Strukturen erkennen und außerdem die Visualisierung wie im Kino. Wie wir an neue Songs herangehen ist also komplett anders als bei anderen Bands. Ich denke es ist soviel Potential in elektronischer Musik, man sollte aber nie versuchen, es wie die Engländer oder Amerikaner machen. Vor allem nicht mit diesem Equipment. Einige machen das und das wirklich gut, aber das wäre nichts für mich. Musik muss man mit dem Herz oder den Instinkten machen und nicht nur mit dem Kopf. Ich bin Belgier und du bist Deutscher und ich denke wir haben alle unsere Eigenheiten. Wenn ich zum Beispiel U2 höre, denke ich schon, dass es gute Songs sind, aber das bin nicht ich.
Steff (GO): Gibt es noch andere interessante Dinge, über die wir reden könnten? Noch irgendetwas was du an deine Fans weitergeben willst?
Patrick (Front): Eigentlich alles, über was wir schon gesprochen haben. Tu was du fühlst. Ich denke die Leute brauchen eine Substanz. Das ist auch das, was wir unseren Fans geben. Heute, in 2007, ist es einfach Musik zu machen und man kommt schnell zu einem Ergebnis. Aber du musst Leben und etwas im Inneren haben, was du geben kannst. Es gibt viele Bands, die mit dem glücklich sind, was sie machen. Sie machen ihr erstes Album, dann ihr Zweites und es ist nicht schwierig für sie, weil ihnen die Technologie viele Möglichkeiten gibt. Aber um wirklich erfolgreich zu sein, musst du etwas haben was du in die Musik geben kannst. Beim Malen zum Beispiel ist es so, das ein 50-jähriger Maler einfach mehr Erfolg hat als ein junger Maler, da er etwas von seiner Erfahrung mit in seine Bilder legen kann. Du musst etwas von deinem Leben in die Musik geben. Wenn einige unserer Fans selber Musik machen sollten sie das tun wegen der Band und ihre Erfahrungen in die Songs packen. Das ist die Substanz für ein gutes Beisammensein.
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